
|
Petite Mort, 2009 Öl auf Leinwand 140 x 190 cm |
Lili Hill: "La Petite Mort" (Der kleine Tod)
Schockierend schön: Der Makel
Lilli Hills Gemälde zeigt eine provozierende Szene: Zur Aufführung gebracht wird das Liebesspiel eines Paares, dessen fettleibige Körper ob ihrer behindernden Masse vom Betrachter mehrheitlich als abstoßend empfunden wird. Nicht allein das Voyeuristische des Augenblicks löst das Erschrecken aus, sondern der Tabubruch, die Tatsache, dass hier Nacktheit und Leidenschaft eines Paares inszeniert werden, das unserer Erwartung nach nicht zu solchem Liebesakt befähigt sein kann oder sogar darf.
Im dunklen, von samtigen Braun-Rottönen erfüllten Farbraum tanzt das in feinster Malweise heraus modellierte Paar einen dem Ballett vorbehaltenen Pas de Deux. Wie in Trance schwingt der weibliche Körper von der Basis des männlichen Rückens empor, wie von der Schwerelosigkeit des Tanzes erfasst. Beide Akte sind eng aufeinander bezogen, in einem Spannungsbogen verbunden und dennoch auseinanderstrebend im Höhepunkt der Lust.
Lilli Hill zitiert in diesem Paar-Bild einen Tanzmoment aus der Choreographie "La Petite Mort" (Der kleine Tod) von Jiri Kylian, in dem die Frau auf dem Gipfel der Ekstase einen Augenblick von orgiastischer Absolutheit und Zeitlosigkeit erreicht. Die Bewegung der beiden, sich gegenseitig haltenden und befreienden Körper ist von faszinierender Eleganz.
Die Malerin beherrscht die steigernden Mittel altmeisterlicher Malkunst: Feinste, ineinander verschmelzende Farbübergänge im Schatten und Licht des Inkarnats, die Exaktheit der Proportionen, die Feinheit in der Modellierung. Diese höchst ausgefeilte, formal an der Malweise der Renaissancekünstler geschulte Malerei lässt im Bild das Ideal der Schönheit erwarten. Lilli Hill stellt ihre überragende malerische Fertigkeit jedoch nicht in den Dienst eines Bildes vom perfekten, makellosen, unserem heutigen Schönheitsideal entsprechenden Körper, sondern von dessen Gegenentwurf. Sie thematisiert den schwergewichtigen, fettleibigen, von Bauchbeuteln und Speckfalten gezeichneten Körper und stellt überdeutlich das herrschende Körperideal in Frage.
Ihre perfektionistische Malweise steht jedoch nur in scheinbarem Widerspruch zum unperfekten Körper. Der stigmatisierte Mensch ist ein Empfindender: Freude, Lust, sinnliches Vergnügen, Begehren, Schwermut, Trauer und Schmerz.
Lilli Hill gelingt es, diese Gefühle spürbar zu machen. Sie gibt ihre Protagonisten nicht der Lächerlichkeit preis, benutzt sie nicht als Vorlage für einen billigen Gag. Sie gibt ihnen Würde und zeigt sie als Individuen, die sich trotz ihrer Abweichung von der Norm schön fühlen, weil sie spüren und empfinden können - weil sie lebendig sind. Lilli Hill zeigt in der Makellosigkeit der Darstellung eine surreal anmutende Vision von Vollkommenheit!
Gisela Schmoeckel M.A., Martina Janzen
Copyright © 2004-2009 by Lilli Hill